Posted by on Apr 25, 2012 in Living | 3 comments

Von Christian Bos

Wir gehen nicht mehr ins Internet, wir surfen nicht mehr darin – das Netz ist Alltag geworden und wir ein Teil von ihm. Das Hier und Jetzt rückt in den Hintergrund. Was macht das mit uns? Werden wir alle verrückt?

Konzentrieren wir uns dann nicht eher auf die Online-Konversation und nehmen das Hier und Jetzt nur als bewegtes Hintergrundbild wahr?

Vor dem Internet. Oh, das ist schwer, sich daran zu erinnern. Na gut, also nicht wirklich bevor das, was wir der Einfachheit halber das Internet nennen, existierte. Aber definitiv vor dem Anbruch der heutigen Ära. Unserer Gegenwart, in der wir tagein, tagaus von hyperverlinktem Hypertext umgeben sind. In der wir vom weltumspannenden Netz umgeben sind wie von der Luft und uns auch so darin bewegen, also ohne weiter darüber nachzudenken. Vor dem Internet also, jetzt erinnere ich mich, saß ich gerne auf dem Sofa.

Ein aufgeschlagenes Buch neben mir, den Fernseher vor mir ein-, aber auf „Stumm“ geschaltet. Den Videotext übers Bild gelegt, aber so, dass ich das laufende Programm beobachten konnte. Dazu legte ich dann noch eine neue Platte auf. Das nannte ich damals, wenn mich jemand fragte, was in aller Welt ich da gerade tue, Entspannung. Man kann also sagen, dass ich auf das Internet vorbereitet war, bevor es sich in Luft auflöste und fortan jeden unserer Schritte begleitete. Ich hatte mir mein Aufmerksamkeits-Defizit-Diplom längst erworben.

Wo sind wir? Wo ist unser Kopf?

Und dennoch: Stellen Sie sich nur vor, sie hätten vor 15 Jahren eine Zeitmaschine betreten. Das ist ja nicht so lange her. Viele waren schon mit der Selbstverständlichkeit, die ein 300-Bit-pro-Sekunde-Modem zuließ, im World Wide Web unterwegs und wussten, wie sie mit ihren Handys Kurzmitteilungen verschicken konnten. Vielleicht ja auch Sie. Betreten Sie die Zeitmaschine. Geben Sie als Ziel „2012“ ein. Steigen Sie aus und spazieren Sie durch die örtliche Fußgängerzone. Sie sehen lauter Verrückte, die im Gehen auf kleine Bildschirme starren, über die sie zugleich mit Daumen und Zeigefinger tanzen. Sie würden sich schon sehr wundern.

Wo sind wir, wenn wir auf einer Party stehen und gleichzeitig mit einer Freundin chatten? Konzentrieren wir uns dann nicht eher auf die Online-Konversation und nehmen das Hier und Jetzt nur als bewegtes Hintergrundbild wahr? Sind wir also gar nicht mehr da, wo unser Körper ist? Denken wir dann noch in unseren Köpfen? Vor der Vergrößerung des menschlichen Gehirns kam der aufrechte Gang, der unsere Vorderpfoten in Hände verwandelte, die Dinge begreifen konnten. Jetzt bewegen wir mit unseren Fingern Symbole auf Bildschirmen und lösen damit Rechenprozesse aus, die wir in großer Mehrzahl nicht begreifen. Löst sich der feste Griff, mit dem wir bisher die Umwelt zu unseren Gunsten manipulierten? Bewegen wir uns bald ausschließlich noch in einer Welt zweiter Ordnung, die nur noch aus Symbolen besteht?

Wenn sich alle mit allen vernetzen – vielleicht müssen wir ja in Zukunft nicht mehr den Umweg über Laptop und Smartphone nehmen, vielleicht geht das ja auch direkt von Gehirn zu Gehirn – werden wir dann ein vielkörperliches Wesen, jeder Körper die Zelle eines gigantischen Nervensystems, wie die Borg in der Star-Trek-Serie? Ja, Sie lachen. Aber dramatische Entwicklungen wirken, während sie sich entfalten, eben oft alles andere als dramatisch auf die Betroffenen.

Die Unbekümmertheit, die junge Facebook-Nutzer Problemen der Privatheit entgegenbringen, weist sie nicht längst die Richtung zu einem Großhirn, das sich pilzartig aus dem Humus der Datenströme erhebt, im permanenten Gespräch mit sich selbst? Was wir heute mit blumigen Worten beschreiben, fällt, sobald es sich ausreichend im Alltag verwurzelt und verflochten hat, eben nicht weiter auf. Man lese nur noch einmal William Gibsons Science-Fiction-Erzählung „Burning Chrome“. In der erfindet der Autor den Begriff „Cyberspace“ für die freiwillige Massenhalluzination, der sich die Nutzer des weltumspannenden Computernetzwerks unterziehen.

Wir sind fleißige Mönche

„Burning Chrome“ ist 30 Jahre alt und selbstredend schillert unser Leben nicht in den Neonfarben, in denen es Gibson damals ausgemalt hat. Aber in dem von ihm geprägten Cyberspace halten wir uns tatsächlich permanent auf, vielleicht noch ausdauernder als die Protagonisten von Gibsons frühen Romanen. Heute schreibt Gibson über die Gegenwart, denn, wie er sagt, die Zukunft ist längst da, nur nicht gleichmäßig verteilt.

Vor blindem Vertrauen in Wikipedia wird gewarnt und ein ergoogelter Hinweis kann auch in die Irre führen.

Na gut. Wir leben in der Zukunft. Wir sind alle verrückt. Wir sind die Facebook-Borg. Widerstand ist zwecklos. Geht’s auch eine Nummer kleiner? Was macht das Internet denn nun wirklich mit uns? Lassen Sie mich erzählen, was es mit mir macht. Vielleicht geht es Ihnen ja ähnlich. Ich fühle mich als Internet-Nutzer ganz durchschnittlich und für Computerkram interessiere ich mich höchstens so lala. Und doch: Es ist viel passiert. Wenn ich etwas nicht weiß, google ich es schnell. Auf Partys lassen sich so lästige Diskussionen vermeiden und in zu redigierenden Artikeln schnell die Fakten checken, auch wenn man vom großen Ganzen keine Ahnung hat.

Vor blindem Vertrauen in Wikipedia wird gewarnt und ein ergoogelter Hinweis kann auch in die Irre führen. Heißt es. Doch alle gucken im Netz nach und in den allermeisten Fällen findet man hier auch die richtigen Antworten. Wenn jetzt, als Relikt einer analogen Zeit, die Encyclopaedia Britannica nach 244 Jahren ihre Buchausgabe abschafft, liegt dass nicht nur am platzraubenden Format. Sondern vor allem daran, dass das fluktuierende, sagen wir ruhig: flüssige Wissen, wie es Wikipedia versammelt, dem unveränderlich in Leder eingebundenen überlegen ist. Wer braucht heute schon einen vor drei Jahren in Druck gegebenen Lexikoneintrag zu Syrien?

Weil ich alles nachgucken kann, glaube ich, mir nichts mehr merken zu müssen. Wenn jemand noch etwas auswendig kann, ein Gedicht, ein Zitat, bin ich zwar beeindruckt, aber schließlich habe ich es ja fast ebenso schnell auf dem Bildschirm. Die Festplatte ist ausgelagert, da läuft der Rechner schneller. Ich verarbeite und verbreite mehr Informationen als jemals zuvor, lese, lese, schreibe, lese. Auf der Arbeit, auf dem Weg nach Hause, auf dem Sofa. Auch Hypertext ist vor allem Text und das, was sich hinter dem aus der Mode gekommenen Begriff „surfen“ verbirgt, ist – Youtube zum Trotz – oft sture, pure Textarbeit.

In den Skriptorien der Klöster kopierten Mönche überlieferte Texte und retteten so die Schriftkultur über die Durststrecke des Mittelalters. Dazu mussten sie übrigens noch nicht einmal selbst lesen können. Heute sind wir alle fleißig vervielfältigende Mönche in mobilen Schreibstuben.

Fünf Billionen Bits pro Sekunde

Dazu müssen wir uns noch nicht einmal konzentrieren können. Aber wie geht es dabei dem Einzelnen? Zerhackt das beständige Aufpoppen von E-Mails, Facebook-Benachrichtigungen und Breaking News den natürlichen Fluss der Gedanken? Kann schon sein. Allerdings habe ich eher den Eindruck, als verfertigten sich meine Gedanken, frei nach Kleist, erst allmählich im Sperrfeuer der Updates, im Dauerchat mit dem Lärm der Welt. Könnte ich mich der Inhalte meines Germanistik-Studiums entsinnen, würde ich sagen, ich bin Teil der Intertextualität, ein Knoten von Millionen in der Matrix aus Meinungen, Fakten und Kommentaren. Ich bin Text und Link zugleich und Sie sind das auch.

Der argentinische Autor Jorge Louis Borges hat 1941 in seiner Erzählung „Die Bibliothek von Babel“ ein Archiv aller nur irgendwie möglichen Bücher beschrieben, nicht ahnend, dass er damit eine oft zitierte Metapher für das Internet schaffen würde. Gut zehn Jahre, nachdem Borges seine Geschichte veröffentlichte, existierten rund 50 Kilobyte digitale Speicherkapazität auf der ganzen Welt, das entspricht dem Informationsgehalt von etwa 25 Schreibmaschinenseiten. Heute wächst die weltweite Speicherkapazität sekündlich um fünf Billionen Bits an.

Heute sind alle Kunden der Bibliothek von Babel, schreibt James Gleick in seiner Geschichte der Information. Und wir sind auch die Bibliothekare. Und wenn wir in den Spiegel schauen, so Gleick, sehen wir Wesen der Information. Wie fühlt sich das an, ein Informationswesen zu sein? Auf jeden Fall anders als in meiner Jugend. Da war ich in der bayerischen Provinz verloren. Kein Anschluss an gar nichts. Die Züge, auf die ich aufspringen wollte, waren längst abgefahren.

Heute gibt es keine Provinz mehr, alle erfahren alles gleichzeitig. Jeder ist informiert, jeder kann dabei sein. Die Frage ist nur: Bei was? Mit der Gleichzeitigkeit von allem fällt auch die Idee einer Leitkultur hintenüber. Alles geht, für alles findet man im Netz Verbündete. Es ist leicht geworden sich zu orientieren, es ist nahezu unmöglich, die Dinge einzuordnen. Nach welcher Hierarchie?

Wo wir gerade von Orientierung reden: Die Angst. ebenjene zu verlieren, ist, Google Maps sei Dank, auch verschwunden. Und mit ihr die Freude, etwas per Zufall zu entdecken. Wer heute noch davon redet, über etwas „gestolpert“ zu sein, meint eigentlich, dass mit ihm jemand einen Link auf Facebook geteilt hat. Dank des sozialen Netzwerks erlebe ich jetzt das Leben meiner sogenannten Freunde als eine Kette toller Erlebnisse und gewitzter Sprüche. Das setzt mich unter Originalitätszwang. Um so zu sein wie die anderen.

Die plötzliche Allverfügbarkeit der Welt hat, zumindest für mich, auch das langjährige Leitmedium Fernsehen verdorben. Warum werben denn die Sender mit ihren Mediatheken? Ich habe seit zwei Jahren keinen Fernseher mehr angeschaltet, nicht aus Askese oder als auto-pädagogische Maßnahme. Stattdessen klappe ich eben den Laptop auf. Und schwupps ist alles da. Bücher lese ich dagegen noch, so viel oder wenig wie zuvor. Vielleicht weil man die ebenfalls nach Gusto auf- und zuklappen kann.

Was ist Arbeit, was Freizeit?

Wenn ich ehrlich bin, schaue ich im Netz jedoch meistens bei denselben 15 Seiten vorbei. Die ich zudem bereits auf der Arbeit nach Interessantem durchforstet habe. Aber was ist Arbeit und was ist Freizeit, im andauernden Tagtraum des Internets? Mir steht also prinzipiell fast alles zur Verfügung. Tatsächlich aber verengt sich meine Welt und Dinge, die ich früher, vor dem Internet, wusste – einfach nur, weil ich stur die ganzen 15 Minuten „Tagesschau“ durchhielt – muss ich jetzt nachgucken. Wie heißt der Bundeskanzler von Österreich? Googeln Sie jetzt.